Wieder einmal Vereinigung

An der früheren innerdeutschen Grenze will eine getrennte Region zu einem Landkreis fusionieren und eine Stadt das Bundesland wechseln

Was trennt Deutschland, was vereint das Land? Ist die einstige deutsch-deutsche Grenze noch in den Köpfen der Menschen verhaftet, im Alltag oder in der Politik zu finden? Oder sind es ganz andere Dinge, die die alte Grenzregion heute bewegen? Wir haben uns aufgemacht nach Thüringen und haben jeweils einen Ort hüben und drüben der alten Grenze besucht.

OBERNFELD – BREITENBACH: Wer vom thüringischen Breitenbach ins niedersächsische Obernfeld fährt, der benutzt in der Regel die Bundesstraße. Und wäre auf dem Weg nicht das Grenzlandmuseum mit all den Hinweistafeln und einem Imbiss, der sich Grenzlandgrill nennt, würde nicht auffallen, dass hier einst jener Streifen Erde die Gegend durchkreuzte, der Deutschland geteilt hat. Heute ist hier eine andere politische Wiedervereinigung Thema: die der historischen Region Eichsfeld, die sich über mehrere Bundesländer erstreckt, aber mit dem heutigen Landkreis Eichsfeld in Thüringen nicht viel gemein hat.

Wolfgang Nolte ist Bürgermeister in Duderstadt, einer Kleinstadt am Rande Niedersachsens. Er hat mit seinen 70 Jahren eben diesen einen politischen Wunsch: einen einheitlichen Eichsfeldkreis, eine Wiedervereinigung nach der Wiedervereinigung. Nolte sitzt in seinem Büro, neben ihm junge Menschen, die gerade ihre Ausbildung abgeschlossen haben. Er fragt sie nach Ost und West. Ist die einstige Teilung Deutschlands noch Thema? Da sagt ein junger Mann: „Wenn es die Teilung noch gäbe, säße ich nicht hier.“ Der Vater aus dem Osten, die Mutter aus dem Westen. Die Jugend macht sich keinen Kopf mehr über Unterschiede. Das ist auch der Eindruck, den Ulrich Bornemann (69) und Berthold Kopp (62) gewonnen haben. Bornemann kommt aus dem thüringischen Breitenbach, Kopp aus dem niedersächsischen Obernfeld. Nach der Wende arbeiteten beide bei der Volksbank in Duderstadt. Beide haben Kinder. Bei denen sei die Grenze kein Thema mehr. Warum auch? Ost und West sind längst wieder zusammengewachsen. Und das wünscht sich Bürgermeister Nolte für das historische Eichsfeld.

Bornemann_b „Wenn ich die jüngere Generation sehe, dann ist alles zu 100 Prozent zusammengewachsen. Wenn ich dagegen die ältere Generation betrachte, dann stelle ich fest, dass es sowohl im Westen als auch im Osten noch gewisse Vorurteile gibt.“  Ulrich Bornemann, Breitenbach

 

KS_LOKALES_20170731_11_13_14_571  „Manche im Dorf haben auch nach Sachsen-Anhalt oder Thüringen geheiratet. Das alles trägt zur Normalisierung hier im Eichsfeld bei.“ Berthold Kopp, Obernfeld 

 

Hagemann

Die Großcousins Karl Heinz Klein aus Vacha und Christian Schäfer aus Philippsthal waren früher unüberbrückbar getrennt. Foto: Hagemann 

VACHA – PHILIPPSTHAL: Am Ortsausgang von Philippsthal (Hessen) stehen zwei Besonderheiten: Da ist zum einen ein Haus, das einmal ein Symbol für die Teilung Deutschlands war. Die Grenze verlief hindurch, elf Zwölftel des Hauses gehörten zum Westen, ein Zwölftel zum Osten. Heute ist dies ein Wohnhaus ohne Mauer im Wohnzimmer. Davor befindet sich ein Schild mit dem Namen des nächsten Ortes: Vacha (Thüringen). Hinter dem zweiten „a“ ist unter einem Aufkleber der Hinweis auf vergangene Zeiten verschwunden: DDR.

Ein paar Meter weiter tut sich das Verbindende beider Orte auf: die Werrabrücke, auf der sich die Großcousins Christian Schäfer (51) und Karl Heinz Klein (70) getroffen haben. Schäfer kommt aus Philippsthal, Klein aus Vacha. Früher bedeutete dies Unerreichbarkeit trotz Nähe. Die Brücke war in den Grenzstreifen integriert, auf ihr stand ein Wachturm der DDR.

Und heute? „Für mich ist das eine Selbstverständlichkeit geworden, hier über die Brücke zu laufen“, sagt Schäfer. Die beiden Orte pflegen die Freundschaft; sie nutzen dieselbe Busverbindung. Die Menschen hüben wie drüben sind vom selben Arbeitgeber abhängig, dem Bergbauunternehmen K+S. Auch das verbindet – und es lenkt den Blick auf ein echtes Problem: den Fortzug vieler Menschen. „Wir hatten mal 6000 Einwohner, jetzt sind es 3600 in der Kerngemeinde“, seufzt Klein. „Wer Abitur macht, ist wenig später weg.“

KS_LOKALES_20170731_11_13_18_574  „Ich gehe rüber nach Philippsthal – und empfinde es als ganz normal. Allerdings erinnere ich mich schon immer mal wieder an die Zeiten, wo hier gar nichts ging.“ Karl Heinz Klein, Vacha

KS_LOKALES_20170731_11_13_13_570 „Ich habe zwei noch minderjährige Söhne. Die können und wollen sich gar nicht vorstellen, dass hier mal eine Grenze war. Für sie spielt die Vergangenheit keine Rolle.“ Christian Schäfer, Philippsthal

SONNEBERG – NEUSTADT: In Sonneberg (Thüringen) ist das Zusammenwachsen zum Politikum geworden. Die Stadt findet, schon so sehr mit Franken verschmolzen zu sein, dass die Abspaltung von Thüringen Thema ist. Das hat auch mit der geplanten Gebietsreform der rot-rot-grünen Landesregierung zu tun. Sonneberg droht der Verlust des Privilegs, eine Kreisstadt zu sein. Das bringt die Sonneberger auf die Palme.

Das Rathaus trägt ein Banner: „Sonneberg bleibt Kreisstadt.“ Das Städtchen will nicht wieder an den Rand gedrängt werden. Zu DDR-Zeiten war es isoliert: Hier die Grenze, da der Thüringer Wald, der die Einwohner vom Rest der DDR trennte. Nach der Wende blühte Sonneberg auf – es orientierte sich nach Westen. Das hatte zu tun mit der Historie des Ortes als Spielzeugstadt mit US-Einfluss, aber auch mit der Sprache. Der Erste Beigeordnete Christian Dressel (41) sagt: „Als die Grenze sich öffnete, habe ich erstmals festgestellt, dass auch noch andere Menschen so sprechen wie die Sonneberger.“ Fränkisch.

Mittlerweile ist Sonneberg Mitglied der Metropolregion Nürnberg, hat eine West-Postleitzahl. 79 Prozent der Sonneberger sind angeblich für einen Wechsel nach Bayern. Elke Protzmann (63), Zweite Bürgermeisterin in Neustadt (Bayern), glaubt aber nicht daran. Auf die Sonneberger käme dann auch ohne Teilung Deutschlands das Problem vergangener Tage zu: das Gefühl, im Abseits zu liegen.

Elke Protzmann    „Wie alle Grenzstädte waren wir mit einer neuen Situation konfrontiert. Das war für die Beteiligten beider Seiten eine Kärrnerarbeit. Jetzt braucht es noch vielleicht eine Generation, bis alle das Zusammenleben als völlig normal betrachten.“    Elke Protzmann, Neustadt bei Coburg

KS_LOKALES_20170731_11_13_17_573   Als die Grenze gefallen ist, ist wieder der natürliche Wirtschaftsraum entstanden, den es schon vorher vor der Grenzziehung gab, mit Neustadt,mit Coburg.
Christian Dessel, Sonneberg
(Fotos (6): Florian Hagemann) 

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