Die große Unsicherheit

Betonpoller, Sicherheitskräfte und Videoüberwachung – wie ein Wirt des Weihnachtsmarktes am Berliner Breitscheidplatz und der Leiter der Hamburger Davidwache versuchen, Glühweinbude und Kiez sicherer zu machen.

Von Jean-Charles Fays, Neue Osnabrücker Zeitung

Es ist der 19. Dezember 2016, 20.02 Uhr, als der IS-Terror Deutschland erreicht. Ein Lkw rast durch die Menschenmenge des Weihnachtsmarktes am Berliner Breitscheidplatz. Zwölf Menschen sterben, 60 werden verletzt.

Ein halbes Jahr nach dem Anschlag ist Axel Kaiser wieder am Breitscheidplatz und erinnert sich, was sich nur wenige Meter von seiner Glühweinbude zugetragen hat. Axel Kaiser schenkt damals Glühwein aus, als der islamistische Attentäter Anis Amri in einem Sattelschlepper mit 25 Tonnen geladenem Stahl etwa fünf Meter von ihm entfernt in eine Glühweinbude kracht. „Da war dieses seltsame Geräusch. Ich dachte erst, eine Gasflasche wäre explodiert“, erinnert sich Kaiser. „Der Lkw ist auf meinen und auf den Stand des Kollegen zugefahren. Dann hat er das Lenkrad rumgerissen und ist wieder auf die Straße gefahren.“ Er zeigt auf die Betonpoller, die nach dem Anschlag aufgestellt wurden und am Breitscheidplatz eine Art Anti-Terror-Sperre zur Budapester Straße bilden sollen.

Nur einen Steinwurf entfernt von Grablichtern, Plakaten, Bildern und Blumen – dem Gedenkort für die Opfer am Eingang der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche – hatte Kaiser seine Bude. Mit seiner „Weihnachtsmarktterrasse“ hatte er als einziger Stand auf dem Breitscheidplatz die Treppen vor der Gedächtniskirche überbaut. Von dort blickt der Mann mit der weiß gepunkteten Fliege und dem grauen Hemd in die Richtung, aus der der Lkw durch die Besuchergasse raste.  Heute weiß man, für die 70 Meter hat er nur vier Sekunden gebraucht: „Dabei ist er durch die Hütte meiner Nachbarin Susanne gefahren. Sie selbst war an dem Tag Gott sei Dank nicht vor Ort, und ihre Mitarbeiterin hat das wie durch ein Wunder überlebt“, erinnert sich Kaiser. „Ich hörte sie rufen, dann haben wir geholfen.“

Möglicher Anschlag mit Lastwagen auf Weihnachtsmarkt

Der rote Pfeil markiert die Bude von Axel Kaiser am Tag des Anschlags. Kaiser hat seine „Berliner Weihnachtsterrasse“ direkt gegenüber von dem Stand, an dem der Lkw nach seiner Fahrt durch die Besuchergasse zum Stillstand kam. Foto: dpa

Aus Glühweinbude wird Sanitätszelt

Einige seiner acht Mitarbeiter zogen Verletzte unter dem Lkw weg, 120 Gäste einer Betriebsweihnachtsfeier waren da in seiner Bude, die er nun zum Sanitätszelt machte.

Der Anschlag des Tunesiers im Namen des Islamischen Staats ist dennoch kein Anlass für ihn, um für ein rigoroses Vorgehen gegen Flüchtlinge und Muslime einzutreten. Natürlich komme bei ihm jetzt immer wieder dieses Gefühl hoch, nach mehr Sicherheit zu verlangen. Allerdings wolle er sich dafür auch nicht in seiner Freiheit beschneiden lassen. „Man muss sich zwischen diesen beiden Polen aber irgendwo in der Mitte treffen. So, wie es im Moment ist, kann es nicht weitergehen.“ Eine Videoüberwachung des Breitscheidplatzes etwa würde ihm helfen, sich sicherer zu fühlen.

„Nur ein paar Betonpoller können das Problem nicht lösen“

Sicherheitspolitik – dieses Thema wird die Bundestagswahl stark beeinflussen, glaubt Kaiser: „Viele Leute werden dort ihr Kreuz machen, wo sie sich am meisten verstanden und von Leuten vertreten fühlen, die das Problem am besten in den Griff bekommen. Nur ein paar Betonpoller können das Problem sicherlich nicht lösen.“

Axel Kaiser

Am Breitscheidplatz ist ein Gedenkort entstanden. Foto: Jean-Charles Fays 

Der Mann mit der schwarz-weiß gepunkteten Fliege, kariertem Hemd und grauer Weste glaubt, dass der Terror bereits im Ursprungsland bekämpft werden müsste. Schlaue Leute mit einer guten Schulbildung begingen solche Taten ja gar nicht, glaubt er. Daher müsse ein Teil der Rüstungsausgaben für Schulen in Ländern ausgegeben werden, in denen der Islamische Staat seine Wurzeln hat: „Wir müssen mindestens das Doppelte für die Entwicklungshilfe ausgeben, um das Problem in diesen Ländern wirklich bei der Wurzel zu packen.“

Besseres Sicherheitsgefühl durch mehr Sicherheitskräfte

Überzeugt zeigt er sich davon, dass man den Terroristen nicht das Gefühl geben dürfe, dass man hier in Deutschland Angst vor ihnen habe. „Wir können uns doch von solchen Idioten nicht vorschreiben lassen, auf welche Veranstaltung und auf welchen Weihnachtsmarkt wir gehen. Dann hätten die Terroristen ja ihr Ziel erreicht.“

Er selbst werde in diesem Jahr aber voraussichtlich nicht mehr nur freitags und samstags, sondern an jedem Tag des Weihnachtsmarkts mit einer Sicherheitskraft vor seine Bude arbeiten. „Vielleicht müssen wir alle damit leben, dass es für ein besseres Sicherheitsgefühl etwas länger dauert – künftig eben nicht nur in der Schlange am Flughafen, sondern auch in anderen Bereichen des Lebens. Die Leute werden sich daran gewöhnen.“

Terrorgefahr auf der Reeperbahn

Genauso groß wie auf dem Weihnachtsmarkt in Berlin ist die Terrorgefahr wohl auch auf der größten Party-Meile Deutschlands. Verantwortlich für die Reeperbahn und den Kiez in Hamburg ist der Revierleiter der Davidwache in St. Pauli, Ansgar Hagen

An einem Wochenende gehen bis zu 200 Strafanzeigen in der Wache ein, und obwohl es das kleinste Revier Deutschlands ist, werden dort die meisten Straftaten Hamburgs begangen. Der Kiez liegt mit rund 1300 Einsätzen im Monat auf einem Spitzenplatz in Hamburg. 14.000 Einwohner leben hier, an den Wochenenden drängt sich aber ein Vielfaches an Party-Touristen durch das Viertel. Hagen blickt von seinem Büro im zweiten Stock direkt auf die Reeperbahn mit ihren unzähligen Sex-Shops und Tabledance-Bars. Seit fünf Monaten leitet der 49-Jährige Deutschlands wohl bekannteste Wache.

Zwar wurde bereits vor dem Berliner Terroranschlag die Videoüberwachung der Reeperbahn wieder in Betrieb genommen. Allerdings kommt sie nur bei Schwerpunkteinsätzen sowie Freitag- und Samstagnacht zum Zuge. So auch an diesem Freitag Ende Juni, denn es sind Harley Days und die Biker haben sich die Reeperbahn als Treffpunkt erkoren. Das Geknatter der schweren Maschinen, ist auch in Hagens Büro nicht zu überhören.

Betonpoller wie am Berliner Breitscheidplatz sind an der Reeperbahn bislang nicht vorgesehen. Hagen hält sie nicht für nötig. Er sagt: „Absolute Sicherheit kann es nicht geben. Da helfen auch die effektivsten Gesetze nicht.“

Wie die Terrorgefahr minimiert werden kann

Es geht dem 49-Jährigen, der erst seit fünf Monaten Revierleiter der bekanntesten Wache Deutschlands ist, aber darum, „gemeinsam an einem Strang zu ziehen, um die Sicherheit zu erhöhen.“ Dabei sei nicht nur der Staat, sondern vor allem auch die Zivilgesellschaft gefragt. Um dieses Potenzial zu heben, will er das Bild der Polizei als Freund und Helfer wiederbeleben: „Der Bürger soll vertrauensvoll die Polizei rufen, wenn er etwas Auffälliges bemerkt. Wir bewerten das dann, was dazu beitragen kann, die Terrorgefahr zu verringern.“

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Ansgar Hagen ist Revierleiter der Wache St. Pauli. Foto: Jean-Charles Fays

Hagen betont: „Ein engeres Zusammenhalten zwischen Polizei und Bürgern ist wichtig, um Straftaten möglichst im Keim zu verhindern.“ Um dieses hehre Ziel zu erreichen, läuft er selbst als Revierleiter so oft wie möglich mit seinen Kollegen Streife, um auf der Straße den direkten Kontakt zum Bürger zu suchen und sein Revier mit allen Sinnen zu spüren.

Mehr Polizisten und Videoüberwachung gegen Terrorgefahr

Größtmögliche Sicherheit geht für ihn nur durch eine auch deutlich sichtbare polizeiliche Präsenz und eine bessere Vernetzung mit anderen Partnern für innere Sicherheit. Dazu müssten Gesetze vorangebracht werden; und er hofft, dass die Gesellschaft „den schwierigen Spagat zwischen größtmöglicher Sicherheit und gleichzeitig größtmöglicher Freiheit“ schafft. Dabei denkt er besonders an Videoüberwachung, die er gerade an Brennpunkten für sinnvoll hält. „Mein Hauptwunsch aber wäre mehr Personal, um mit der Polizei noch präsenter auf der Straße zu sein“.

 

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