Mehr Stammtische braucht das Land

Was in Kneipen im Ruhrgebiet, in Oberbayern und in Sachsen-Anhalt geredet wird und warum das so wichtig ist.

Von Wiebke Karla, Ruhr Nachrichten

Franz sitzt ganz allein am großen Holztisch im Trubel der vollen Wirtschaft. Im Rücken den grünen Kachelofen, den Kopf gesenkt mit Blick auf sein Maxlrainer-Bier. Franz wartet. Der Tisch mit dem großen Metallschild „Stammtisch“ ist der größte auf der Biberger Alm in Oberbayern. Er bietet Platz für zehn, zwölf Personen. Franz sitzt hier jeden Tag. Sonnengebräunt, Vollbart, leicht krause Haare – ein Urbayer, geboren im 200-Seelendorf Biberg in dem die Alm die einzige Wirtschaft ist. Franz wartet auf die anderen Stammgäste, die vielleicht kommen. Die bestimmt kommen. Aber vielleicht heute auch nicht.

In ganz Deutschland treffen sich Menschen an Stammtischen. Einmal die Woche, einmal im Monat – oder auch zweimal – und reden. Über die Nachbarn, das neue Auto, den neuesten Klatsch. Und über Politik. Stammtischpolitik,  Stammtischparolen – das hat einen negativen Beigeschmack. Doch: „Wenn man die Distanz zwischen der Lebenswelt und der politischen Welt überwinden will, dann muss man die Stammtische anzapfen“, sagt der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Hans Vorländer. Was wird an deutschen Stammtischen geredet? Und warum ist das für die Politik so wichtig? Drei Stammtische, drei lokale Biersorten, drei Menschenschläge.

An diesem Montag steht im Haus Gammler in Altenessen die Welt Kopf. Im Essener Norden, mitten im Ruhrgebiet, gibt es an diesem Abend gleich zwei Stammtische, an denen – so gar nicht traditionell – nur Frauen sitzen. Die Stammgäste stehen an der Theke. Das ist für Westfalen typisch und eine historische Entwicklung, denn einst hatte man hier einfach ein Brett über zwei Fässer gelegt und fertig war der Tresen. In Bayern dagegen ist der Stammtisch tatsächlich noch ein Tisch.

Ein Mal im Monat kommen die Spielefrauen ins Haus Gammler, jede Woche trifft sich der einstige Sparclub. Neun Frauen, von denen aber nur noch drei überhaupt etwas in den Spar-Kasten werfen. Jede hat ein Bier vor sich stehen, das Glas Stauder-Pils kostet 1,30 Euro. Die jüngste, Anne, ist 63.


Altenessen, rund 44.000 Einwohner, Essener Norden. Die Trennlinie zwischen Arm und Reich verläuft  in Essen zwischen Nord und Süd, scharf markiert durch die A40. Hier gibt es günstigen Wohnraum, sind die Fassaden manchmal bunt gestrichen und doch grau, sind die sozialen Belastungen ungleich höher als im Süden der Stadt.  Hier gab es Anfang 2016 Proteste innerhalb der SPD,  weil deren Führung zusätzliche Flüchtlingseinrichtungen  nur in den nördlichen Stadtteilen vorsah. Der Norden ist das Revier von Ex-Bergmann Guido Reil, der 26 Jahre lang für die SPD antrat und bei der NRW-Landtagswahl für die AfD bis zu 22 Prozent holte.


Für 230 Euro mehr hinter der Fleischtheke

Die herzliche, aber manchmal ein bisschen tüddelige Hanni (78) ist mit ihrer Schwester Käthe da. Käthe raucht Zigarillos, hat eine unglaublich raue Stimme, lange rosa-orange lackierte Fingernägel und eine grandiose Mimik. Zum Rauchen gehen die Schwestern vor die Tür, manchmal nehmen sie Karin mit. Die Fleischfachverkäuferin hat bis vergangenen November noch gearbeitet, da war sie schon 71. Doch die Rente hat einfach nicht gereicht. Zwei bis drei Mal die Woche stand sie hinter der Fleischtheke, auf 400-Euro-Basis. „100 Euro wurden dafür von der Rente abgezogen, 70 Euro musste ich Fahrgeld zahlen, 230 blieben übrig“, bilanziert sie, „das war nicht viel.“ Jetzt schafft sie auch das nicht mehr. Seit 12 Jahren ist Karin Witwe. Der Stammtisch ist für sie ein wichtiger sozialer Anker:  „Wenn man den ganzen Tag nur allein zu Hause sitzt, ist das hier einfach schön.“ Auch bei den anderen Damen sind die Verhältnisse nicht üppig. Käthes jüngster Sohn unterstützt seine Mutter jeden Monat mit 100 Euro. „Dass ich auch mal hier hin gehen und mir was leisten kann, sagt sie und zuppelt stolz an ihrer Bluse.

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An der Theke im Haus Gammler diskutiert Enrico (46), Landschaftsgärtner. „Man braucht mehr Leute, die den Menschen zuhören“, findet er, „sonst wird die AfD zu stark“. Mehr Polizisten brauche das Land, dann könne man sich auch „noch mehr reinholen“, sagt er und meint die Flüchtlinge. „No-Go-Areas wie in Duisburg gehen gar nicht.“ Dabei hat auch Altenessen ein Problem mit kriminellen Libanesen-Clans, vor allem am Bahnhof. „Früher hatte ich nie Angst“, sagt Christa (72), die am Spieletisch sitzt, „heute schon“. Für sie ist der Bahnhof sehr wohl eine „No-Go-Area“. Doch „Ausländer waren im Ruhrgebiet schon immer da“ und schnell wird relativiert: „Wer in der Bahn aufsteht, das sind immer die jungen ausländischen Männer, nie die Deutschen“, sagt Spiele-Kollegin Erika. Und Elsbeth Bornemann (79) daneben erinnert an das Sommerfest des Flüchtlingslagers um die Ecke: „Alle Anwohner waren zum Essen eingeladen und da war alles spitze“, sagt die ehemalige Wirtsfrau anerkennend.

Enrico diskutiert derweil weiter mit einem anderen Stammgast: „Ich bin ja nicht so einer“, sagt dieser nach diversen Bieren und hält sich zwei Finger unter die Nase, um einen Hitlerbart zu symbolisieren, „aber warum besorgen die (die Flüchtlinge) sich alle zuerst ein Messer? Die wollen doch gar keinen Frieden.“ Enrico winkt ab, verweist den anderen in die Schranken: „Mach mal halblang“. Das Gegenüber zieht ab. Befriedigt: „Ist ja schon gut.“ Er hat gesagt, was er wollte. Was ihm auf der Seele brennt. Was er nicht versteht, wo sein Weltbild zwischen Flüchtlingskrise und kriminellen Libanesen-Clans ins Wanken kommt.

Buchvorstellung zur Pegida-Bewegung  „Man lässt den Dampf aus dem Kessel raus. Erst kocht er hoch – dann ist es wieder gut“ 

Prof. Dr. Hans Vorländer (Foto: dpa)

„Man trifft sich, trinkt ein Bier und wird quasi gereinigt. Man lässt den Dampf aus dem Kessel raus. Erst kocht er hoch – dann ist es wieder gut“, erklärt der Prof. Dr. Hans Vorländer. Das Problem: Stammtische haben deutschlandweit stark abgenommen. „Wir haben keine Orte mehr, wo man geschützt Zorn und Wut ablassen kann“, sagt Vorländer. Daher werde der Stammtisch zum Beispiel bei den Pegida-Demos im Osten auf die Straße verlagert. „Die Pegida-Demos sind ein Ritual geworden, wie ein Stammtisch, natürlich nur in einer größeren Dimension.“ Immer noch gehen jeden Montag in Dresden tausende Menschen auf die Straße, „um die Seele frei zu schreien“, wie Vorländer sagt.  Zu DDR-Zeiten waren Stammtische verpönt, in Wirtshäusern hab es sie gar nicht, frei zu reden war nahezu unmöglich. Stets konnte der Spitzel sogar in der eigenen Familie lauern.

An diesem Dienstag, in Quedlinburg, Sachsen-Anhalt, im „Wispel-Pub“. Ein Schild verspricht Essen  „wie in den 80-er Jahren“ für kleines Geld. Spezialitäten sind ein mit Würzfleisch überbackenes Schnitzel und gepökeltes und gegrilltes Eisbein. Alle 14 Tage treffen sich hier die Schwimmmeister und ihre Freunde zum Stammtisch.  Das Wetter ist schön, der Platz ist heimelig, man sitzt draußen.

Quedlinburg, Weltkulturerbestadt mit restaurierten Fachwerkhäusern, liegt im Landkreis Harz. Der Landkreis, der sich 2013 mit der geringsten Wahlbeteiligung in ganz Deutschland einen Namen machte.

„Die haben uns verkauft“, sagt Rolf, der 63-jährige Schwimmmeister, der tatsächlich sonst den ganzen Abend nichts sagt. Der Zusammenbruch der DDR, er kam auch für Quedlinburg zu schnell. Zigtausende Menschen verloren nach der Wende ihre Jobs, Großbetriebe wie das Eisenhüttenwerk in Thale, Mertik, Philopharm und der Saat- und Pflanzgutbetrieb, die LPG – alles dicht. „Wenn Opel in Bochum zumacht und die im Fernsehen von 3600 verlorenen Arbeitsplätzen reden, da lachen wir nur“, sagt Holger (53), ein sympathischer Mann, der auch sonst viel lacht. Nur jetzt nicht. „Natürlich haben wir ein bisschen Mitleid“, mildert Kalle (63) ab, der zu DDR-Zeiten 15 Jahre lang in der Landwirtschaft gearbeitet hat. Aber eben nur ein bisschen. Wenn die Männer am Stammtisch von der Wende erzählen, von Zigtausenden Menschen, die plötzlich vor dem Nichts stehen, dann ist das große Trauma zu erahnen, das immer noch deutlich die Grenze zwischen Ost und West markiert.

Vielleicht ist es dieses große Gefühl der Fremdbestimmtheit, das noch heute dazu führt, dass wenige zur Wahl gehen. Dazu kommt, dass viele der heute 40 bis 50-Jährigen den Harz in den 90-ern verlassen haben, auf der Suche nach Arbeit und dem Glück woanders. So erzählen die Schwimmmeister. Auch die Kinder von Kalle gehören dazu.  „Die Älteren gehen noch zur Wahl, sie sehen das als Pflicht an“, sagt Kalle. Die ganz jungen Leute hätten kein Interesse. Und dazwischen fehlt der große Teil einer ganzen Generation.

Rolf, Kalle, Torsten und Holger. Foto: Olaf Ziegler/Lichtblick

Persönlich, da haben sie sich mit dem Leben arrangiert, sind sie durchaus zufrieden. „Ich freue mich über jedes Bau-Gerüst, das hier steht, über die Touristen, die kommen“, sagt Kalle. Es geht immer noch aufwärts. Zu DDR-Zeiten standen hinter halbwegs restaurierten Fassaden der Weltkulturerbestadt einfach nur Ruinen. „Klar gibt es die hier auch noch, aber sehen Sie sich doch einfach nur diesen Platz hier an.“

Die Rente, das oft so groß geschriebene Wahlthema schlechthin, ist für Kalle und seine Freunde keines. „Ich weiß, was ich am Ende rauskriege und das reicht mir.“ Nur die, die Riester-Rente abgeschlossen hätten, „die seien heute alle angeschmiert“, sagt er und alle am Tisch nicken. Am Tisch überwiegt das Gefühl, jeder sei seines eigenen Glückes Schmied. Und das Gefühl, Politik und Bürokratie stünden dem entgegen.

„Für Politik und Parteien war es immer wichtig, einen Fuß in die Stammtische zu bekommen, zu hören, was der Bürger tatsächlich sagt“, erklärt Prof. Vorländer. Die „Lufthoheit über die Stammtische“ ist ein geflügeltes Wort.

Nichtöffentliche Diskussion am Stammtisch

Der Bürgermeister aus Tuntenhausen schaut regelmäßig beim Stammtisch auf der Biberger Alm herein, erzählt Franz, der 54-jährige Schreiner aus Biberg. Auch manch nichtöffentlicher Teil der Gemeinderatssitzung wird an dem massiven Holztisch diskutiert, der immer frei bleibt, egal wie voll die Wirtschaft ist. Und obwohl heute nebenan Dorffest ist, wartet Franz an diesem Samstag nicht umsonst. Nach einer Stunde sitzen Hans, 54, Steuerungselektroniker aus dem Nachbarort Söhl und der 22-jährige Sebastian aus Schönau bei ihm. Denn zum Stammtisch auf die Biberger Alm kommen auch die Ortsansässigen aus den Dörfern der Umgebung. Die haben nämlich längst nicht alle mehr eine Wirtschaft. Mit den Gasthäusern sterben auch in Oberbayern die Stammtische langsam aus. Früher, da gab es in Biberg mit seinen 200 bis 300 Einwohnern sogar zwei Wirtschaften.

Stammtische

Prost! Franz, Sebastian, Silvia und Hans auf der Biberger Alm. Foto: Olaf Ziegler/Lichtblick


Biberg in Oberbayern gehört zur Gemeinde Tuntenhausen, die vor allem durch ihren konersvativ-katholischen Männerverein bekannt ist. Das Dorf hat 200 bis 300 Einwohner, keine Schule, keinen Kindergarten, keinen Supermarkt. Es gibt: Einen Schreiner, einen zweiten Schreiner, der Fenster verkauft, einen Sanitärbetrieb, einen Feinmechaniker, vier Milchbauern, eine Menge Menschen, die hier wohnen und nach München pendeln. Der Ort ist im Aufwind, hier wird gebaut. Wer eine Pizza bestellen will, muss die aus einem 11 Kilometer entfernten Ort bestellen.


Neben dem Dorfklatsch („Hascht g´hört, der will a neues Haus bauen“ „Braucht der das?“„Kann er sich das leisten?“) wird auf der Biberger Alm am Stammtisch alles besprochen und geregelt, was das Dorf bewegt. Von der geschlossenen Hebammenstation in der nächst größeren Stadt, über eine Reichsbürgerfamilie („Da ging es hoch her“) bis hin zur Erkundung des Marses, die nur kostet, aber überflüssig sei „wie ein Kropf“. Die Rente interessiert hier auch keinen. „Natürlich kann ich mich auf die gesetzliche Rente nicht verlassen“, sagt Sebastian. Aber die meisten in den Dörfern im Münchener Speckgürtel wohnen in eigenen Häusern. „Man kann da ja später auch was vermieten und kommt dann gut klar“, sagt Hans.

Gewählt wird bei Bundestagswahlen selbstredend die CSU. „Wir haben da ja keine Wahl“, sagt der Steuerungselektroniker. Die CSU vertrete die bayrischen Interessen in Deutschland  – was soll man da sonst wählen? „Bei der Landtagswahl, da ist es was anderes“. Sebastian liebäugelte schon mal mit den Grünen, ist überzeugter Anhänger der Ehe für Alle („Wie alle jüngeren hier“) – aber wählen, nun ja, wählen tut er die dann doch auch nicht. „In vielem sind sie mir dann doch zu extrem“. Das Wort „Veggie-Day“ erscheint in einem bayrischen Wirtshaus wie von einem anderen Planeten.

Katharsis

Gestritten wird nicht. „Nur, wenn irgendeiner einen Schmarren erzählt“, knurrt Franz. „Höchstens, wenn das Bier aus ist“, lacht Hans. Ganz so ist es aber offenbar nicht. Vor allem bei der Diskussion um die Reichsbürgerfamilie ging es hoch her.  „Es gibt Leute, die sagen bis zum zweiten Bier nix, aber ab dem fünften Bier wird es lauter“, sagt der 22-Jährige. „Das ist, als wenn´s Dich auf Null setzt, und dann geh´st entspannt wieder nach Haus“, sagt Hans. In der Literatur und der Psychologie gibt es dafür ein eigenes Wort: Katharsis, die Läuterung der Seele, die Befreiung von seelischen Konflikten durch emotionale Verarbeitung. Mehr Stammtische braucht das Land.

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